Ein Gespräch mit unserem Geschäftsführer Sulim Amadaev über die Arbeitsrechtsreform 2026 und ihre Folgen für Zeitarbeit und Werkverträge. Die Fragen stellte Stefan Huth.
Stefan Huth: Herr Amadaev, die Bundesregierung will das Arbeitsrecht modernisieren – vor allem bei der wöchentlichen Höchstarbeitszeit und bei Befristungen. Wie stark beschäftigt Sie das Thema im Tagesgeschäft?
Sulim Amadaev: Mehr, als man denken würde. Für uns als Personaldienstleister ist das keine akademische Debatte, das Thema kommt inzwischen in den meisten Kundenterminen hoch. Die Reform zielt zwar in erster Linie auf die Stammbelegschaften der Kundenbetriebe, aber genau das wird auch die Gewichte zwischen Arbeitnehmerüberlassung und Werkverträgen verschieben – deutlicher, als es auf den ersten Blick aussieht.
Stefan Huth: Bevor wir ins Detail gehen: Beide Modelle haben in der öffentlichen Wahrnehmung keinen einfachen Stand, Werkverträge besonders. Wie gehen Sie damit um?
Sulim Amadaev: Ich tue mir schwer, das kleinzureden. Der Vorwurf, Werkverträge würden genutzt, um Mitwirkungsrechte oder Tarifbindung zu umgehen, ist nicht aus der Luft gegriffen – es gibt genug Beispiele, in denen das tatsächlich so war. Deshalb lohnt sich der Blick auf die Reform für mich auch aus einer anderen Frage heraus: Wie sieht ein Werkvertrag aus, der diesem Vorwurf nicht Vorschub leistet, sondern ihm entgegenwirkt?
Stefan Huth: Fangen wir trotzdem mit der klassischen Zeitarbeit an – dort bewegt sich ja gerade am meisten.
Sulim Amadaev: Stimmt. Die starre 10-Stunden-Tagesgrenze fällt zugunsten flexiblerer Wochenwerte, das erleichtert den Einsatz in Hochlastphasen spürbar. Auch bei der sachgrundlosen Befristung entstehen neue Spielräume, was das Beschäftigungsrisiko im eigenen Personalpool reduziert. Das klingt erstmal nach Vorteil für die Zeitarbeit.
Stefan Huth: Aber?
Sulim Amadaev: Aber genau diese neue Flexibilität bekommen jetzt auch die Kunden selbst – für ihre eigene Stammbelegschaft. Damit sinkt der Druck, kurzfristige Auftragsspitzen überhaupt noch über externe Kräfte abzufedern. Ein zentrales Verkaufsargument der Zeitarbeit verliert also an Kraft, ausgerechnet durch eine Reform, die eigentlich mehr Flexibilität bringen sollte. Dazu kommt: Die neue Flexibilität ist an eine lückenlose digitale Zeiterfassung gekoppelt. Für Verleiher heißt das in der Praxis mehr Nachweis- und Compliance-Aufwand, nicht weniger.
Stefan Huth: Wie sieht es beim Werkvertrag aus?
Sulim Amadaev: Beim Werkvertrag zählt der geschuldete Erfolg, das fertige Gewerk. Die organisatorische Verantwortung liegt komplett bei uns als Dienstleister – daran ändert die Reform nichts. Aber sie verschiebt auch hier ein paar Vorzeichen: Wer den Personaleinsatz autark steuert, profitiert direkt von den neuen wöchentlichen Arbeitszeitkorridoren, um Gewerke termingerecht abzuschließen. Und weil der Werkvertrag ohnehin außerhalb von Equal Pay und der 18-monatigen Höchstüberlassungsdauer steht, bleibt er für langfristige Vorhaben planungssicher wie eh und je.
Stefan Huth: Wo liegen die Risiken?
Sulim Amadaev: Die Herausforderung bleibt dieselbe wie immer: Je flexibler Kunden ihre internen Abläufe gestalten, desto eher entsteht eine möglicherweise zu enge, unbewusste Verzahnung mit den Werkvertrags-Mitarbeitern vor Ort – und damit das Risiko einer verdeckten Arbeitnehmerüberlassung. Für mich ist diese Abgrenzung kein bürokratisches Detail, sondern der eigentliche Kern eines seriösen Werkvertrags. Sie stellt sicher, dass unsere Mitarbeiter tatsächlich eigenverantwortlich und unter eigener Weisung arbeiten – und nicht faktisch wie Leiharbeiter behandelt werden, ohne die entsprechenden Schutzrechte zu genießen. Wer hier schlampt, riskiert nicht nur ein Scheinselbstständigkeits-Problem, sondern gibt genau den Kritikern recht, die Werkverträge für ein Umgehungsinstrument halten.
Stefan Huth: Gibt es noch einen zweiten Unterschied, der oft übersehen wird?
Sulim Amadaev: Ja – das Gewährleistungsrisiko. Wir als Dienstleister tragen beim Werkvertrag die volle Haftung für Mängel und Termine. Das ist ein Risiko, das die Zeitarbeit in dieser Form gar nicht kennt, weil dort die Steuerung beim Kunden liegt.
Stefan Huth: Trotz dieser Risiken sagen Sie, der Werkvertrag könnte der eigentliche Gewinner der Reform werden. Warum?
Sulim Amadaev: Aus drei Gründen. Erstens: keine Überlassungslimits. Während Zeitarbeit weiterhin an die gesetzliche Höchstüberlassungsdauer pro Entleiher gebunden ist, kennt der Werkvertrag keine zeitliche Grenze. Für langfristiges Inhouse-Outsourcing bleibt er damit ein verlässliches Modell – ohne erzwungenen Personalwechsel.
Zweitens: Kalkulation nach Ergebnis statt nach Stunde. Die neuen Arbeitszeitspielräume erlauben es, Projekte effizienter zu organisieren und danach zu kalkulieren, was am Ende geliefert wird – nicht danach, wie viele Stunden dafür aufgewendet wurden. Wichtig ist mir dabei: Das ist kein Freibrief, an der Vergütung unserer Mitarbeiter zu sparen. Im Gegenteil – wer auf gut qualifiziertes, kontinuierlich eingesetztes Personal setzt, liefert bessere Ergebnisse und kann sich dem reinen Preiskampf entziehen, den transparente Stundensätze in der Zeitarbeit erzeugen.
Drittens: klare Verantwortlichkeiten. Angesichts strengerer Zeiterfassungspflichten und Ruhezeitenregelungen liegt die Verantwortung für die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes beim Werkvertrag eindeutig bei uns als Dienstleister – dort, wo auch die Weisungsbefugnis liegt. Das ist für mich kein Weg, sich aus der Verantwortung zu stehlen, sondern schafft im besten Fall genau die klare Zuordnung, die es leichter macht zu erkennen, wer für gute Arbeitsbedingungen geradesteht.
Stefan Huth: Was bedeutet das konkret für Personaldienstleister, gerade in der Logistik?
Sulim Amadaev: Zeitarbeit bleibt unverzichtbar für kurzfristigen, schnellen Personalbedarf – das wird sich nicht ändern. Aber wer wachsen und dem reinen Preiskampf entkommen will, kommt am rechtssicher gestalteten Werkvertrag kaum vorbei. Gerade im Logistikbereich sehen wir den Wandel schon: weg vom reinen Personal-Lieferanten, hin zum Lösungspartner.
Stefan Huth: Ein letzter Rat an Unternehmen, die sich hier neu aufstellen wollen?
Sulim Amadaev: Die Abgrenzungsfrage zur verdeckten Arbeitnehmerüberlassung von Anfang an mitdenken – das ist meiner Erfahrung nach der Punkt, an dem die meisten Projekte später haken. Und es ist zugleich der Punkt, an dem sich seriöse Anbieter von denen unterscheiden, die dem Werkvertrag seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben: durch klare Weisungsstrukturen, faire Bezahlung und eine Personalplanung, die auf Kontinuität statt auf reine Austauschbarkeit setzt.
Stefan Huth: Herr Amadaev, vielen Dank für das Gespräch.